Vintage-Größen erklärt: Warum eine 38 aus den 90ern keine heutige 38 ist

Original size label inside a vintage Yves Saint Laurent Rive Gauche jacket, marked size 40

Jede Woche nimmt jemand im Laden eine Jacke von der Stange, schaut aufs Etikett und hängt sie zurück. Auf dem Etikett steht 38. Die Person trägt 38. Die Jacke hätte gepasst.

Die Größe ist der häufigste Grund, warum Leute bei Vintage zögern, online wie im Laden. Sie ist gleichzeitig das Problem, das sich am leichtesten lösen lässt, sobald man der Zahl auf dem Etikett nicht mehr glaubt.

Größen sind über Jahrzehnte still gewachsen

Das ist belegt, kein Gefühl. Im amerikanischen Sears-Katalog trug eine Oberweite von 81 cm im Jahr 1937 die Größe 14, 1967 die Größe 8 und 2011 die Größe 0. Derselbe Körper, drei verschiedene Zahlen, bei einem einzigen Händler.

Die Normen sind mitgewandert. Nach dem amerikanischen Standard von 1958 stand Größe 12 für 86 cm Oberweite. 1970 waren es 89 cm, 1995 dann 95 cm, 2011 schließlich 98 cm. Rund zwölf Zentimeter Verschiebung hinter einer Zahl, die sich nie geändert hat.

Der Effekt hat einen Namen, Vanity Sizing, und er beschränkt sich nicht auf die USA. Eine britische Untersuchung von 2011 fand bei mehr als der Hälfte der geprüften Kleidungsstücke irreführende Etiketten, im schlimmsten Fall mit vier bis fünf Zentimetern zu wenig an der Taille.

Warum keine Norm dich schützt

Die europäische Norm EN 13402-3 beschreibt ein Größensystem auf Basis von Körpermaßen. Sie vereinheitlicht, wie ein Körper gemessen wird. Sie verpflichtet keinen Hersteller, ein Kleidungsstück nach diesen Maßen zu schneiden. Genau darin liegt das Problem: Die Norm regelt den Körper, nicht die Jacke.

Deutsche Konfektionsgrößen folgen einer einfachen Formel: Oberweite in Zentimetern, geteilt durch zwei, minus sechs. 88 cm Oberweite ergeben Größe 38. Die heutigen deutschen Bereiche sehen so aus:

GrößeOberweiteTailleHüfte
3478 bis 81 cm62 bis 64 cm85 bis 89 cm
3682 bis 85 cm65 bis 68 cm90 bis 94 cm
3886 bis 89 cm69 bis 72 cm95 bis 97 cm
4090 bis 93 cm73 bis 77 cm98 bis 101 cm
4294 bis 97 cm78 bis 81 cm102 bis 104 cm

Ein deutsches Etikett aus den 1980ern mit einer 38 war für einen Körper am unteren Rand dieses Bereichs geschnitten, oft darunter. Eine italienische 42 aus den 90ern ist wieder etwas anderes. Die Richtung der Verschiebung ist gut dokumentiert. Wie groß der Abstand genau ist, hängt vom Jahrzehnt ab, vom Land und vom Haus, das das Teil gemacht hat. Deshalb bleibt nur eine verlässliche Antwort: messen.

Stangen mit Designer-Vintage im Berlin Vintage Corner, jedes Teil mit einem anderen Größensystem

Wie man ein Vintage-Teil richtig misst

Miss nicht deinen Körper und vergleiche ihn mit einer Größentabelle. Miss ein Kleidungsstück, das du besitzt und gerne trägst, und vergleiche es mit dem Vintage-Teil. Flach gemessene Werte schlagen Körpermaße immer, weil sie den Schnitt mit abbilden.

  1. Das Teil flach hinlegen, geschlossen, ohne es zu dehnen.
  2. Brust: von Achselnaht zu Achselnaht, gerade quer. Für den vollen Umfang verdoppeln.
  3. Taille: an der schmalsten Stelle quer messen, verdoppeln.
  4. Schulter: Naht zu Naht über den Rücken.
  5. Ärmel: von der Schulternaht bis zum Bündchen.
  6. Länge: vom höchsten Punkt der Schulter bis zum Saum.

Diese fünf Zahlen mit deiner Lieblingsjacke vergleichen. Ein bis zwei Zentimeter Abweichung sind unkritisch, dann passt es. Das Etikett spielt keine Rolle.

Was das Maßband nicht verrät

Der Schnitt gehört zu seinem Jahrzehnt. Ein Blazer aus den 80ern hat Schulterpolster und Volumen im Korpus. Etwas aus den späten 90ern liegt näher am Körper. Zwei Teile mit identischer Brustweite können sich völlig unterschiedlich tragen.

Das Material entscheidet, wie viel Spielraum du hast. Wolle, Tweed und Strick geben etwas nach und legen sich nach wenigen Malen an. Gewebte Seide, Leder und streng verarbeitete Schneiderei geben gar nichts nach. Dort lieber zweimal messen.

Ältere Schneiderei war zum Ändern gebaut. Nahtzugaben an Teilen aus den 70ern und 80ern sind häufig großzügig, teils zwei bis drei Zentimeter pro Seite. Ein Stück, das auf dem Papier knapp zu klein ist, lässt sich oft weiten. Eine gute Änderungsschneiderei sagt dir in einer Minute, ob der Stoff das hergibt.

Vintage-Lederjacke an der Stange, ein Schnitt, bei dem zweimal messen sich lohnt

Die Kurzfassung

Etikett ignorieren. Fünf Maße flach abnehmen. Mit etwas vergleichen, das du schon trägst. Vor der Entscheidung nach dem Material fragen, und nach der Nahtzugabe fragen, bevor du ein Teil zurückhängst, das du eigentlich willst.

Wenn dir bei einem Teil auf dieser Seite die Maße fehlen, schreib uns, wir messen es am selben Tag nach. Und wenn du in Berlin bist: komm vorbei und probier es an. Das ist der Teil, den ein Maßband nicht kann. Wenn du schon hier bist, deckt unser Guide zu Designer-Vintage in Berlin Mitte den Rest des Viertels ab.

Berlin Vintage Corner
Elisabethkirchstr. 1, 10115 Berlin, Mitte
Mo bis Sa 12:00 bis 19:00 Uhr, So 12:00 bis 17:00 Uhr